Dienstag, 7. Februar 2012

Schier, Petra: Die Gewürzhändlerin


Mittelalter, 1351, Koblenz:

Luzia Bongert, die Tochter eines freien Bauerns, hat es durch die ungewöhnliche Freundschaft zu der Grafentochter Elisabeth (siehe: Die Eifelgräfin) in der mittelalterlichen Ständegesellschaft schon außergewöhnlich weit für eine Bauerntochter gebracht. Sie kann nicht nur lesen und schreiben, sondern ist auch noch ein kleines Mathegenie.

Im Haushalt ihrer Freundin ist sie offiziell deren Leibmagd, fungiert aber eher als deren Gesellschafterin. Sie kleidet sich gut und ihre Umgangsformen sind mittlerweile geschliffen. Ihre Herkunft als Bauerntochter wird von der Grafenfamilie geheim gehalten, um ihre Chancen, beispielsweise für eine gute Heiratspartie, zu verbessern.

Schon in Die Eifelgräfin hat sich Luzia mit dem Händler Martin Wied mächtig gerne gestritten und er sich, nebenbei bemerkt, auch mit ihr. Dabei ist er ihr wegen seiner Brandnarben am Körper irgendwie unheimlich.

In zärtlicher Erinnerung ist Luzia aus dem letzten Buch der reisende Gaukler Roland geblieben, mit dem sie eine romantische Nacht hatte. Aber irgendwann musste Rolands Gruppe weiterziehen.

Martin Wied war zwei Jahre in Italien, um dort seinem Bruder beim Aufbau eines Handelsunternehmens zu helfen. Nun, wieder zurück in Koblenz, stellt er beim Blick in seine Bücher entsetzt fest, dass sein liebenswerter, aber in geschäftlichen Dingen unfähiger jüngerer Bruder Konrad das Geschäft heruntergewirtschaftet hat. Also krempelt Martin die Ärmel hoch und macht sich an die Sanierung seines Unternehmens, was gar nicht so einfach ist, da seine Konkurrenten ihm allerlei Steine in den Weg legen und dabei auch nicht vor unlauteren Mitteln zurückschrecken.

Als Konrad einen Unfall hat und als Hilfe für das Geschäft ausfällt, wird Martin durch einen Zufall erneut auf das mathematische Talent von Luzia aufmerksam und er stellt sich als Gehilfin ein. Dabei stellt sie sich so geschickt an, dass er nach einiger Zeit sogar Kapital für einen eigenen kleinen Handel mit Farben zur Verfügung stellt.

Während sich Martin selbst trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede zwischen ihnen eines Tages eingesteht, dass er sie liebt, hat Luzia seine Brandnarben immer noch nicht verdaut und schäkert lieber mit Roland herum, der Mal wieder für einige Zeit in Koblenz weilt. Und der Sohn des Konkurrenten von Martin buhlt im Auftrag seines Vaters auch noch ein bisschen um sie.

Erst, als Martin aufgrund einer Intrige wegen Mordes unschuldig im Kerker landet, merkt Luzia, wie wichtig ihr Martin im Laufe der Zeit geworden ist und dass die Schauer, die ihr in seiner Nähe über den Rücken laufen, nicht vom Anblick seiner Brandnarben kommen. Sie setzt alles daran, seine Unschuld zu beweisen ...

In Die Eifelgräfin hatte sich die Liebesgeschichte von Martin und Luzia schon erahnen lassen und ich war schon sehr gespannt auf den Fortsetzungsroman, der nun als Die Gewürzhändlerin vorliegt. Helden, die körperlich vom Schicksal gezeichnet sind, haben es mir eh angetan und ich hätte Luzia das eine ums andere Mal am Kragen packen und durchschütteln können, wie sie immer so voller Abscheu auf die Brandnarben von Martin reagiert hat. Sie kannte ihn ja nun schon eine Weile und wenn man bedenkt, dass in einer mittelalterlichen Gesellschaft Menschen mit körperlichen Verunstaltungen stärker vertreten waren als heutzutage (Pockennarben, Kinderlähmung, schlecht verheilte Brüche, früh herausfallende Zähne etc.), ging mir Luzias am Anfang noch glaubwürdige Abscheu irgendwann nur noch auf die Nerven. Fast ein wenig zu unauffällig kam der schleichende Wandel von Abscheu zu körperlicher Anziehung und hat mich, als die Szene des ersten Kusses kam, dann doch ein wenig verblüfft, auch wenn ich die Szene durchaus glaubwürdig und spannend fand.

Luzia ist Martin trotz ihrer Furcht vor seinen Narben eine gute Freundin, wobei die Freundschaft teilweise auf dem Schwur der Vorfahren beruht und somit teilweise ein bisschen widerwillig gewährt wird. Aber man merkt sofort, als Helferin in Martins Unternehmen und an seiner Seite ist Luzia ganz in ihrem Element, nur braucht es halt wie immer eines ganzen Romans, bis sie ihren Platz nicht nur findet, sondern sich alles fügt.

Der gute Roland, von nicht wenigen Fans der Autorin in Die Eifelgräfin heiß geliebt, bleibt nach meiner Meinung in Die Gewürzhändlerin genauso farblos wie im ersten Roman. Roland ist eher eine Skizze, als eine gut gezeichnete und mit Tiefe ausgestatte Figur eines Romans und ich habe fast den Verdacht, das ist Absicht, damit die Heldin Luzia sich am Ende für Martin entscheiden kann, denn wäre Roland als Figur richtig fassbar geworden, hätte sich Luzia für ihn entschieden, wäre mit den Gauklern auf Reisen gegangen und hätte ihren gesellschaftlichen Aufstieg nicht erreicht.

Während ich bei Die Eifelgräfin noch das Gefühl hatte, dass Petra Schier den Roman in etwas zu viel Eile geschrieben hat und einige Nebenfiguren etwas konturlos blieben (für eine Figur hätte ich damals eine Hundezucht passend gefunden), waren hier auch die relevanten Nebenfiguren (außer Roland) mit Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Und eine süße, kleine Anekdote im Roman befasst sich auch liebevoll mit einem Kätzchen (Daumen hoch dafür!).

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