Montag, 2. Juli 2012

Singh, Nalini: Kisses of Snow


Nalini Singhs Gestaltwandlerreihe spielt auf der von ihr fantastisch veränderten Erde in einer nahen Zukunft, auf der sich drei Personengruppen entwickelt haben, die Menschen, die Gestaltwandler und die Medialen.

Die Menschen haben keine besonderen Fantasyfähigkeiten, die Gestaltwandler können sich in Tiere verwandeln und die Medialen haben, je nach Individuum, eine oder mehrere Fähigkeiten, beispielsweise Empathie, Telepathie, Zukunftssehen, Telekinese usw.

Da die Medialen in ihrer evolutionären Anfangsphase (sie entwickelten sich wohl innerhalb weniger Generationen in einer Art genetischem Sprung von Menschen zu Superwesen) ihre Talente nicht unter Kontrolle hatten und sich deshalb für gefährlich hielten, entschieden sie sich, ihre Emotionen zu unterdrücken. Sie alle sind gedanklich an das Medianet gebunden und miteinander verbunden, welches ihnen Biofeedback sendet und ohne welches sie nicht leben können.

Mit den Jahren ist das System der Unterdrückung der Emotionen pervertiert und in seiner Rigidität "unmenschlich" geworden. Personen, die unter dem Druck zusammenbrechen, werden von den Oberhäuptern der Medialen (dem Rat) regelmäßig getötet oder sonstwie geistig verstümmelt. Wenigen gelingt es, mit Hilfe der Gestaltwandler zu fliehen.

Verschiedene Ereignisse in den Vorgängerbänden haben einige Mächtige bei den Medialen zum Umdenken bewogen. Sie bestehen nicht mehr stur auf der Einhaltung von Silentium und gehen vorsichtige Allianzen mit den Gestaltwandlern ein. Andere, die Pure Psy, wollen Silentium sogar noch verschärfen und neigen zu der Auffassung, dass sie erst gewonnen haben, wenn Menschen und Gestaltwandler von der Erde verschwunden sind.

Kisses of Snow ist ein fortgeschrittener Band der Reihe und viele Leserinnen haben ihm entgegengefiebert, denn er wurde von der Autorin als eine Art Höhepunkt geplant (auch wenn die Reihe weiterhin fortgesetzt wird).

Im Zeichen eines heranziehenden Krieges zwischen den Gestaltwandlern und den Pure Psy beginnen Hawk und Sienna Lauren ihren Tanz miteinander. Hawk ist das Oberhaupt einer Siedlung Wolfsgestaltwandler, der SnowDancer-Wölfe. Dieses Paar zeichnete sich schon seit dem ersten Band der Reihe ab, nur war Sienna in den letzten Bänden noch minderjährig. Nun, da sie erwachsen ist, könnte Hawk um sie werben, sie wartet nur darauf. Leider wurde Hawk als Kind traumatisiert, als seine "einzig wahre Gefährtin" ermordet worden ist. Gestaltwandler glauben nämlich an das "Paarungsband". Dieses rastet auf eine geheimnisvolle biologisch-seelische Art und Weise ein, wenn die zwei Richtigen sich treffen, wobei das bei dem einen früher geschieht, bei dem anderen später. Manchmal dauert es ein bisschen aber bei Hawk und seiner biologisch passenden Gefährtin geschah das eben schon im Kindesalter.

Der Glaube an die Einzigartigkeit des Paarungsbands ist bei allen Gestaltwandlern tief verwurzelt, so dass sie sich beim Verlust eines Gefährten, welcher ihnen durch das Paarungsband verbunden war, nicht die geringste Mühe geben, den Verlust zu verarbeiten und zu verkraften. Lieber werden sie verrückt oder begehen Selbstmord. Irgendwie hat Hawk den Verlust seiner Paarungsbandkinderfreundin gerade so überlebt und in Zeiten eines Krieges musste er schon mit 15 die Führung des Rudels übernehmen, hatte also sozusagen keine Zeit zum Sterben, weil er die Seinen schützen musste.

Nun, als Mann um die 35 hat er hin und wieder flüchtige Affären, eine ernsthafte Beziehung möchte er aber nicht eingehen. Sienna fasziniert ihn in mehrfacher Hinsicht, sexuell, intelektuell und als hochgefährliche Psy mit superdupergefährlichen Kräften. Eingebunden in das gesellschaftliche Dogma des einzigartigen Paarungsbands kommt es ihm gar nicht in den Sinn, eine Beziehung zu ihr könnte funktionieren.

Sienna wurde schon als Kind von einem Psychopathen ihres Volkes als Kriegerin ausgebildet, bevor sie mit ihrer Familie aus dem Medianet fliehen konnte. Als Soldatin ist sie daher ein Ass, als junge, verliebte Frau genauso albern, wie alle Frauen ihres Alters. Da Hawk ihre Annäherung immer wieder zurückweist, macht sie ihn eifersüchtig, indem sie in Bars auf den Tischen tanzt. Das ist ganz charmant in Szene gesetzt, aber die ganze Zeit beim Lesen dieser Szenen dachte ich, dafür, dass die Autorin den Leserinnen über so viele Bände den Mund wässrig gemacht hat, hätte sie beim Paar Hawk und Sienna etwas mehr als Teenagerkram bieten können.

Allein die Tatsache, dass es Sienna gelingt, Hawk mit dem Kinderkram eifersüchtig zu machen, hätte ihm selbst Hinweis genug sein müssen, dass eine Beziehung mit ihr sein Leben eben doch bereichern könnte. Er hat aber ein Brett vor dem Kopf und die Autorin schlachtet das Romanmotiv "Held hat ein Trauma und weist die Liebe gegen jede Vernunft ab" derart gründlich aus, dass ich den Roman fast in die Ecke geworfen hätte.

Zum Glück gab es noch ein zweites Paar, nämlich die Heilerin Lara und den Telepathen Walker Lauren, welches zwischendurch ein bisschen für Abwechselung gesorgt hat. Walker glaubt, zu lange im Silentum gewesen zu sein, um eine Liebesbeziehung mit einer Frau eingehen zu können. Er kennt die Liebe nicht und weiß nicht, wie er mit der Zuneigung einer Frau umgehen soll. Anders als Hawk erkennt er aber die Zeichen und lässt sich, wenn auch zögernd, auf die Frau ein, die ihn so zärtlich geküsst hat.

Irgendwie reift in Hawk gegen das Paarungsbanddogma der Wunsch, Sienna glücklich zu machen. Er weist sie zurück, ist aber eifersüchtig und da er sie von anderen Männern ablenken will, gibt er ihr die eine oder andere kleine Zuwendung. Mit der Zeit werden seine Zuwendungen länger und intimer. Und irgendwann stellt er zu seinem Erstaunen fest, dass er Sienna als die Seine betrachtet. Sie wiederum muss feststellen, das Glücklichsein ihre superhochgefährlichen Kräfte aktiviert und um ihn und das Rudel zu schützen, zieht sie sich zurück.

Die Kriegsvorbereitungen der Pure Psy werden immer dramatischer, die Gegenmaßnahmen der Gestaltswandler und ihrer Verbündeten greifen nur teilweise. Die Gestaltwandler werden angegriffen und in die Ecke getrieben. Als letzten Ausweg setzen sie Siennas alles verzehrendes Feuer ein. Nur hat Sienna leider keinen Ausschalter und ihr kaltes Feuer frisst sich rasend schnell durch den Wald in Richtung der Gestaltwandlersoldaten, die sie eigentlich beschützen will. Kann etwas oder jemand sie aufhalten?

Die zweite Hälfte des Romans hat mich wieder mit der ersten versöhnt. Das Finale um das kalte Feuer ist spannend und die Lösung des Problems hat mich überzeugt. Ich habe ja die ganze Zeit während des Lesens gerätselt, wie die Helden Siennas Energie in den Griff bekommen und bin nicht selbst drauf gekommen.

Spannend ist und bleibt auch die Frage, in welche Richtung die mediale Pfeilgarde und das mächtige Ratsmiglied Kaleb Krychek  tendieren werden. Kaleb ist jedenfalls ein so ausgesprochen interessanter und vielschichtiger Charakter, dass ich mir einen eigenen Band für ihn wünschen würde. Das scheint mir aber angesichts des bisherigen Schemas der Autorin eher unwahrscheinlich zu sein, denn Kaleb ist so etwas wie ein zentraler Punkt im Medianet und genießt das Vertrauen beider Netköpfe. Es würde ohne ihn zusammenbrechen und Millionen Psy würden sterben. Kaleb würde diese Macht niemals aufgeben (moralische Bedenken wegen der vielen Sterbenden hätte er da weniger). Also stünde in einem möglichen Band mit Kaleb in der Hauptrolle ein Mitglied der "bösen Seite" im Zentrum des Geschehens. Und den Schneid für einen solchen Wechsel der Perspektive traue ich der Autorin zum jetztigen Zeitpunkt nicht zu, weiß aber sicher nach der Lektüre des nächsten Bands schon etwas mehr.

Es gab einige spannende Überraschungen in dem Roman, die ihn insgesamt anhoben und zu einem Lesevergnügen machten. Hawks dogmatische Sturheit ist mir nach einer Weile auf die Nerven gegangen und deshalb gebe ich "nur" 4 von 5 Punkten.

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